Vokabeltrainer App zu DaF kompakt

Der Vokabeltrainer zu DaF kompakt für das iPhone und das iPad von Klett ist ein typischer Vertreter der Gattung Vokalbeltrainer App. Er bietet eine Benutzeroberfläche, die Karteikarten nachempfunden ist. Der lerntheoretische Hintergrund ist das sogenannte Leitner-Karteikartensystem, bei dem in einem realen Karteikasten die Vokabelkarten in verschiedene Fächer einsortiert werden, nachdem die Antwort korrekt war. Sie wandern dann jeweils in ein weiter hinten gelegenes Fach innerhalb des Karteikastens, bis sie schließlich aussortiert werden können, wenn sie nachhaltig behalten worden sind. In dem virtuellen Karteikasten der App wird diese Wanderung durch die verschiedenen Ablageorte durch eine Farbcodierung simuliert.

Den Vokabeltrainer von Klett kann im AppStore von Apple für verschiedene Lehrwerke von Klett erworben werden. Ich beziehe ich mich für diese Rezension auf die Version für das Lehrwerk DaF kompakt A1.

INFO

Auf einen Blick

Plattform und Preis
iPhone, iPad – 4,99€
Inhalt
Vokabeln für DaF Kompakt nach Lektionen geordnet (und für andere Lehrwerke von Klett)
Modi
Lernen mit/ohne Lernplan, Quiz
eigene Gestaltung
weitgehend freie Eingabe von eigenem Text und/oder Bilder
Empfehlung
Das Quiz ist unbrauchbar, aber wer bereit ist, eigene Karten zu beschreiben, kann sich ein brauchbares Tool erschaffen.

  Nach dem Starten des Programms muss ein/e Benutzer/in sich entscheiden, ob er/sie den Lernmodus oder den Quizmodus starten möchte (Bild 1). Wir beginnen unseren Rundgang durch die App mit dem Lernmodus.


Startbildschirm
Bild 1 Startbildschirm: Auswahl des Buchs oder eigener Karten sowie Auswahl des Modus.
Auswahl der Wörter
Bild 2 Auswahl der Wörter nach den Lektionen des Lehrwerks
Bild 3 Farbcodierung des Lernstandes
Lernplan
Bild 4 Flexible Einstellung des Lernplans
eigene Karteikarten
Bild 5 Erstellen von eigenen Karteikarten
Quizerfolge
Bild 6 Übersicht über die Quiz-Erfolge.
Quiz 1
Bild 7 Der Schrägstrich zeigt die Antwort.
Quiz 2
Bild 8 Ein Adjektiv und drei Nomen: schwierige Entscheidung?
Quiz 3
Bild 9 Die Antwort wird schon durch die Grafik klar.
Vokabelgleichung
Bild 10 Zweifelhafte Vokabelgleichung: "pretty" = "ganz"?

Lernmodus

Da sich der Inhalt des Vokabeltrainers an dem Lehrwerk orientiert, sind auch die Vokabeln, die die App beim Kauf enthält, nach den Lektionen des Buchs geordnet (Bild 2). Auf diesem Bildschirm wird außerdem angezeigt, wie viele Wörter der Karteikasten enthält und wie viele Wörter sich in den einzelnen Ablagefächern des Karteikastens befinden. Letzteres wird durch die oben bereits erwähnte Farbcodierung wiedergegeben (Bild 3). Man kann sich mit dieser Funktion sehr genau anzeigen lassen, wie viele der Wörter wie oft „gewusst“ wurden. Welche Wörter genau in den einzelnen Stufen vorhanden sind, zeigt das Programm nicht an. Für einen schnellen Überblick wäre eine solche Funktion durchaus sinnvoll. Weiterhin muss zu Beginn der Lernaktivität entschieden werden, ob man mit oder ohne Lernplan lernen möchte. Mit „Lernplan“ ist die Frequenz gemeint, nach der die Wörter wieder vorgelegt werden, nachdem sie einmal als „gewusst“ eingestuft werden. Dieser Lernplan kann durch den Benutzer / die Benutzerin flexibel eingestellt werden (Bild 4). Eine weitere wichtige Einstellung auf diesem Bildschirm ist die Entscheidung, ob die Vorder- oder Rückseite zuerst angezeigt werden soll. Vorderseite bedeutet, dass das Wort in der Muttersprache angezeigt wird. Abgefragt wird dann die zielsprachliche Übersetzung. Bei den „ab Werk“ vorhandenen Vokabeln ist die Vorderseite mit den Vokabeln in Englisch belegt. Bei der Option Rückseite verläuft der Abfrageprozess entsprechend umgekehrt. Ferner lässt sich die Anzahl der Wörter pro Lernsitzung einstellen. Die Voreinstellung ist 30 Wörter für einen Lerndurchgang.

Eigene Karteikarten

Der Lernmodus lässt sich weiterhin modifizieren durch die Möglichkeit, eigene Karten zu erstellen und nur diese eigenen Karten mit dem gleichen Funktionsumfang der vorgegebenen Karten zu lernen. Neue Karten kann man über die Funktion „Organisieren“ auf dem Anfangsbildschirm erstellen. In dieser Einstellung wird die Vorder- und Rückseite der Karte dargestellt (Bild 5). Man kann dort beliebigen Text und Bilder einfügen. Bilder werden skaliert und Text, der umfangreicher als der sichtbare Platz der Karteikarte ist, kann gescrollt werden.

Quizmodus

Der Quizmodus ist im Prinzip der Lernmodus als Multiple Choice Aufgabe mit einem Zeitlimit. Man kann die Länge des Quiz, von einer Karte bis zu 50 Karten, einstellen. Bei einem Klick auf Quiz bekommt man danach die Rückseite der Karte, d.h. das deutsche Wort angezeigt. Darunter gibt es vier Begriffe zur Auswahl. Man hat 15 Sekunden Zeit, einen der Begriffe als richtig zu markieren. Sofern innerhalb dieser Zeit keine Antwort erfolgt, wird automatisch diese Karte als „nicht gewusst“ markiert und die nächste Karte angezeigt. Ein Klick auf eine falsche Antwort bewirkt, dass diese falsche Antwort rot markiert und gleichzeitig die richtige Antwort grün markiert wird. Am oberen Rand des Bildschirms läuft eine symbolische Stoppuhr, welche die Phasen grün, orange und rot anzeigt. Wenn innerhalb der grünen Phase eine richtige Antwort erfolgt erhält der Lerner / die Lernerin drei Punkte, innerhalb der orangenen oder roten Phase zwei Punkte bzw. einen Punkt. Die „Quizerfolge“ kann man sich unter dem Menüpunkt „Ich“ detailliert mit Zeit, Gesamtwörterzahl, richtige und falsche Antworten anzeigen lassen (Bild 6).

Schwächen des Programms

Wenn man sich einige Screenshots1 dieses Quizmoduls ansieht, kann man leicht die Schwäche des Programms erkennen. Einem Begriff werden, neben der richtigen Antwort, zufällig ausgewählte Items, d.h. andere Begriffe, als Distraktoren zugeordnet. Diese Zuordnung erfolgt automatisch durch die Funktionen des Programms. Die Begriffe werden aus dem Pool der gesamten Karten ausgewählt. Ob dabei die Distraktoren plausibel sind oder nicht, berücksichtigt der Auswahlalgorithmus nicht. Wie man den Screenshots entnehmen kann, drängt sich die richtige Antwort öfter geradezu auf (Bilder 7–9) . Von einer echten Multiple-Choice-Aufgabe kann da nicht die Rede sein. Dadurch wird das Programm in der Quiz-Funktion unbrauchbar. Ein weiterer Schwachpunkt des Programms liegt in dem zugrundeliegenden Verständnis von „Wissen“: Wissen bedeutet in diesem Programm Übersetzen. Es wird eine Übersetzungsleistung von einzelnen Wörtern verlangt. Ein Wort der Zielsprache muss einer Entsprechung der Muttersprache zugeordnet werden. Derartiges Lernen von Vokabeln nennt man Paarassoziation. Es gibt keinen Kontext, sondern nur Vokabelgleichungen. Die Paarung des muttersprachlichen Wortes mit dem fremdsprachlichen Wort scheint des Öfteren etwas unangemessen zu sein: Beispielsweise könnte pretty ebensogut mit hübsch übersetzt werden. Das Programm zwingt eine/n Lerner/in jedoch, pretty als ganz zu lernen (Bild 10). Andere Beispiele für solche willkürlichen bis unsinnigen Paare lassen sich leicht finden. Ferner besagt das Wissen von einer mutter-fremdsprachlichen Paarung noch lange nicht, dass ein derartig „gewusstes“ Wort auch tatsächlich in einem gegebenen Kontext produktiv angewendet werden kann.

„Das Vokabellernen ist eine komplexe Aufgabe (…). Müssen doch für jedes Lexem seine Eigenschaften der Aussprache, der Morphologie, der lexikalischen Kategorie, der Bedeutung und der situationsangemessenen Verwendung (Register u.ä.) ebenso gelernt werden wie diejenigen, welche sie Gebrauch im Kontext mit anderen Lexemen regeln, d.h. seine Valenzeigenschaften und Kollokationsbeschränkungen.” (Scherfer 2003, 280)

Es sollte jedem/r Nutzer/in klar sein, dass beim Paarassoziationslernen von diesen zitierten Aufgaben lediglich die Bedeutung – in eingeschränktem Maße, wie wir gesehen haben – und die Aussprache – rezeptiv – vermittelt werden. Alle anderen wichtigen Funktionen bei der Vokabelarbeit fallen weg. Ob die reißerische Versprechung auf einer Web-Seite des Verlags zutreffend ist, darf daher angezweifelt werden:

„Mit den Vokabeltrainern kann systematisch der Grundwortschatz gelernt und spielend das Niveau A1 bzw. A2 des europäischen Referenzrahmens erreicht werden.“ (Klett Vokabeltrainer, abgerufen: 9.6.2015)

Bei keinem Test des Referenzrahmens werden Vokabelgleichungen abgefragt. Vielmehr kommt es darauf an, rezeptiv die Bedeutung von Wörtern in Kontexten zu verstehen, beispielsweise in Lesetexten, und produktiv Wörter anwendungsbereit zur Verfügung zu halten, beispielsweise für Schreibaufgaben. Dafür wären dann das Wissen um Wortkollokationen, Chunks und die Valenz von Wörtern nützlich. Aufgabentypen, die derartiges Wissen und derartige Fertigkeiten trainieren gibt es in Fülle. Aber sie sind eben nicht so einfach und kostengünstig herzustellen wie das Füttern einer Datenbank mit Vokabelgleichungen und die arbiträre Zusammenstellung von Multiple-Choice-Aufgaben durch einen Programmieralgorithmus.

Nutzen des Programms erhöhen

Der Nutzen hinsichtlich einer nachhaltigen Memorierung von Vokabeln mithilfe des Programms ist meiner Ansicht nach bisher gering bis nicht vorhanden. Eine Chance mit dem Vokabelmaterial mithilfe der App sinnvoll umzugehen, bietet vielleicht die Funktion, eigene Vokabelkarten anzulegen. Hier hat ein Lerner die Möglichkeit, aktiv mit den zu lernenden Vokabel zu arbeiten, sich selbst Kontexte zu erarbeiten und einzutragen. Es liegt in der Verantwortung der/s Lernenden, sinnvolle Kontexte zu finden. Da das Programm jedoch auch in diesem Modus arbiträr Multiple-Choice-Fragen zusammenstellt, führt der Quizmodus leider selbst mit eigenen Karten zu keinem sinnvollen Ergebnis. Im Lernmodus lassen sich mit Eigeninitiative sinnvolle Ergebnisse erzielen, die nicht nur kontextfrei Übersetzungen abfragen. Eigene Karten werden dann mit dem gleichen Funktionsumfang statistisch analysiert wie die bereits vorhandenen Vokabeln. Wer bereit ist, sich mit dem lexikalischen Material seines Buches, das nicht unbedingt von Klett sein muss, auseinanderzusetzen, und wer das Lernen mit dem iPad oder dem iPhone mag, hat mit dem Vokabeltrainer von Klett ein ästhetisch ansprechendes und in den statistischen Funktionen nützliches Tool in der Hand. Die Quizfunktion ist leider in keinem Modus sinnvoll und auf das eingebaute Datenmaterial mit Vokabelgleichungen kann m.E. verzichtet werden. Ob die App unter diesen Bedingungen 4.99 Euro wert ist, muss jeder selbst entscheiden.

Literatur

Bausch, Karl-Richard / Christ, Herbert / Krumm, Hans-Jürgen (Hg.): Handbuch Fremdsprachenunterricht. Tübingen und Basel: 4. Aufl. 2003

  1. Diese Screenshots wurden nicht etwa gezielt ausgewählt, sondern sind eine ganz zufällige Sequenz, die jeder in einer ähnlichen Form reproduzieren kann.

Kommentar verfassen